Das Hofhuhn schreibt wieder!

Nach fast vier Jahren ohne Blogaktivität hat es mich wieder in den Fingern gejuckt: mein neues Blogprojekt „Im Norden nichts Neues“ findet ihr mit Texten und Podcast unter diesem Link!
Nach fast vier Jahren ohne Blogaktivität hat es mich wieder in den Fingern gejuckt: mein neues Blogprojekt „Im Norden nichts Neues“ findet ihr mit Texten und Podcast unter diesem Link!
Anfangs freut man sich mit jedem neuen Buch über die neuen Blickwinkel auf die immer selben Themen und Lösungen und vor allem über die neuen tollen Hühnerfotos. Ist man aber wirklich auf der Suche nach besseren Informationen, wird die Luft oft schnell dünn. Ich habe es schmerzhaft gemerkt, als ich nach handfesten Informationen über die Hühnerzucht gesucht habe. Nicht die klassische Zucht auf Ausstellungsmerkmale, sondern Zucht auf Leistungsmerkmale: anscheinend kein Thema für die Hobbyhalter, wenn man sich die Inhalte populärer Hühnerbücher anschaut.
Als gelernter Landwirt sind Leistungsmerkmale kein Hexenwerk. Es gibt Zahlen und Statistiken, Wahrscheinlichkeiten, nach denen jene Eigenschaft vom Vater und jene eher von der Mutter vererbt wird. Wie man dies ausgleicht und jenes verstärken kann: Nichts davon lässt sich allerdings in der verfügbaren Hühnerliteratur finden. Dabei hatte ich sogar meinen Bruder mehrfach in geschlossene Teile der Kieler Unibib gejagt.
Zwei bis drei Hühnerbücher zu besitzen ist sinnvoll, denke ich. Dann reicht es aber auch, weil wirklich nicht mehr viel neues kommt. Die Bücher sind nicht teuer, das Geld an irgendeinem Punkt aber rausgeschmissen. Langer Rede kurzer Sinn, hier meine Favoriten.
Mein erstes eigenes Hühnerbuch, das ich mir 2001 gekauft habe. Damals habe ich es verschlungen und mich vor allem auch über die wirklich tollen Fotos gefreut. Insbesondere die Rassenauswahl der Holländer hat sich bei mir ziemlich eingebrannt: einige deutsche Rassen habe ich erst viel später kennengelernt, viele holländische oder belgische Rassen die bei uns überhaupt keine Rolle spielen, habe ich dagegen im Kopf. Dasselbe mit Rassen wie Redcaps, Schwedische Blumenhühner, Ayam Cemani oder meine heißgeliebten Silverudds Blå, die ich erst viel später entdeckt habe weil sie in dem Buch von vor 20 Jahren keine Rolle gespielt haben. Es ist ein netter Rundumschlag, wenn man sich wirklich ausführlich zu Hühnern belesen möchte, kommt manchmal aber auch nicht wirklich auf den Punkt.
Das letzte klassische Hühnerbuch, das ich gekauft habe und wahrscheinlich auch das Beste. Es hatte die große Aufgabe einen wirklichen Mehrwert zu bieten und konnte ihn für mich nicht erfüllen (ich war auf der Suche nach den oben beschriebenen Leistungsmerkmalen). Im Gegensatz zu fast allen Hühner-Ratgebern hat es aber tatsächlich einen ziemlich versierten fachlichen Teil, leider – für mich zumindest – allerdings am Ende auf die Optik der Hühner hinauslaufend. Allerdings – und das rechne ich ihm hoch an – von den einfachsten Grundlagen bis zu echten Nüsschen. Es gibt verschiedene Schwerpunkte, wenn man sich intensiver mit Hühnern beschäftigen möchte und für viele Hühnernerds ist die Vererbung von optischen Merkmalen etwas Wichtiges. Wirklich handfestes zu Leistungsmerkmalen, also wie Hühner über die Zeit finanziell immer besser für sich selbst sorgen können, gibt es aber nicht. Ist man auf der Suche nach einem wirklich, wirklich guten Rundumschlag in Sachen Hühner und allen nötigen Informationen, ist man mit diesem Buch gut bedient. In der heutigen Zeit des Internets ist man meist nur einen Suchbegriff von schnellen Informationen entfernt und ich finde, dass dieses Buch eine gute Grundlage ist, um in der Not den richtigen Suchbegriff formulieren zu können.
Ein Buch, mit dem ich lange nichts anfangen konnte, war „Artgemässe Hühnerhaltung“. Es ist mehr Tiefgang als Optik. Teilweise schlecht schwarz-weiß-kopierte Abbildungen und Fotos aus dem vorigen Jahrtausend machen nicht viel Spaß, viele Berichte über praxiserprobte Hühnerhaltungen vor dem allgemeinen Mobilstallwahn machen aber Lust auf ein eigenes System das den Gegebenheiten vor Ort entspricht. Es ist ein echter Quell, wenn man wirklich nach Inspiration zu funktionierenden Systemen sucht und nach einiger Zeit im Internet keine Lust mehr hat von YouTubern auf den Arm genommen zu werden die ihre neuen Ideen als der Weisheit letzten Schluss präsentieren. Weniger etwas zum im-Sessel-sitzen und schmökern, als mehr etwas für den Punkt, wenn man an einer konkreten Planung einer eigenen Hühnerhaltung sitzt.
So sehr „Artgemäße Hühnerhaltung” für zielorientiertes Arbeiten geeignet ist, so sehr kann man bei Backyardchickens.com Dinge finden, von denen man nicht wusste, dass man sie gesucht hat. Oder man lässt sich einfach mal von den 2.500 eingestellten Beispielen für Hühnerställe inspirieren, oder wie man einen Trittklappen-Futterautomaten baut. Es gibt alles. Fast 1.3 Millionen Artikel bzw. Forenthreads. Irgendwelche weitere Fragen?
Wie sehr die Welt den Kanal von Robert Höök gebraucht hat, merkt man an seinem Erfolg: trotz Missachtung ungefähr jeder kolportierten YouTube-Regel von schnellen Schnitten und anpeitschendem Gelaber hat er sich eine riesige Fangemeinde aufgebaut. 422.000 Abonnenten auf YouTube mit Nutztier-Content sind der Wahnsinn. Roberts Rolle in der Geschichte ist genial: er tritt als informierter Laie auf, nicht von oben als Fachmann. Er besucht Züchterinnen und Züchter besonderer Rassen, die er portraitiert. Mir persönlich fehlt ab und zu die Tiefe und einige zielführende Fragen in den Interviews, das ist aber mein persönliches Problem Bei mir bleiben nach fast 20 Jahren Rechercheerfahrung über Hühner meist nur sehr spezifische Fragen offen, wenn ich mich dahinter klemme. Das wäre aber nicht annähernd so populär wie Roberts Format und der Erfolg gibt ihm Recht. Dass er jetzt Hühnerbücher veröffentlicht und damit den Markt nicht notwendigerweise bereichert, verzeihe ich ihm: mit seinen Videos hat er sich jede Allüre verdient.
Zurück zu den unromantischen Inhalten. Das Managementtool für Legehennen versuche ich schon länger unters Volk zu bringen. Wem gerade nicht danach ist sich ein bisschen über Hühner zu belesen und nebenbei zu träumen sondern nach knackigen und professionell aufbereiteten Informationen, sollte sich die MTool-Veröffentlichungen vom MuD anschauen. Die Handbücher kann man sich kostenlos zuschicken lassen, sie kommen laminiert und sind somit auch im Stall einzusetzen und danach abwischbar. Es sind nicht unbedingt die Informationen die man sich als Hühnerhalter anschauen möchte, weil eben nicht primär Wert auf tolle Fotos gelegt wird, ich bin aber überzeugt davon, dass alle verantwortungsbewussten Hühnerhalter*innen diese Veröffentlichungen zuhause haben sollten. Bei aller Kritik an der intensiven Hühnerhaltung: nichts ist komplexer als tausende von Tiere gesund und in Leistung zu halten. Wenn man also etwas über gutes Gesundheitsmanagement bei Hühnern lernen möchte, sollte man zu den Profis schauen. Alles andere ist im Vergleich dazu Kinderkram.
Manchmal braucht es nicht viel. Das „Chicken Manual“ („Hühner-Handbuch“) von der amerikanischen Livestock Association ist das, wonach ich auf der Suche war, als mir meine Frustration mit den üblichen Hühnerbüchern klar geworden ist. Es geht auf viele Grundlagen nicht ein, weil es voraussetzt, dass man sich auch bereits mit den weniger spritzigen Aspekten der Hühnerhaltung auseinandergesetzt hat, sondern konzentriert sich in drei, jeweils drei- bis vierseitigen Texten, auf die Selektion für Legeleistung, Selektion für Mastleistung und darauf, wie man eine Hühnerherde über die Jahre aufbaut, entwickelt und organisiert. Hat einem Robert Höök auf Youtube die richtige Rasse vorgeführt, hat man sich bei Backyardchickens.com (oder Artgemäße Hühnerhaltung) den Stall seiner Träume ausgesucht und von Armin Six in alle Aspekte der Hühnerhaltung einführen lassen, kann man das Chicken Manual zur Hand nehmen und lesen, wie man Hühner nicht nur hält und sich an ihnen erfreut, sondern mit ihnen arbeitet, so dass sie in ein paar Jahren nicht mehr nur schöne Accessoires sind, sondern auch für das geschätzt werden was sie können.
Warum die Rasse Silverudds Blå heißt und „Schwedische Isbar“ falsch ist, kann man hier nachlesen.
Rasseprofil: SB sind eine sehr leichte und sehr leistungsstarke Legerasse, die sich durch ein breites Farbspektrum an grünlichen Eiern von vielen anderen Legerassen abhebt. Die Eigröße ist mit 55-65g angegeben und die Legeleistung laut offiziellem Profil mit 250 Eiern im ersten Legejahr. Beides sind Zielwerte, die aktuell von nur wenigen Tieren beide wirklich erreicht werden. Werden sie allerdings annähernd erreicht, bewegen sie sich leistungstechnisch in dem Bereich, den einige Hybridlinien in der Landwirtschaft auch fahren. Kombiniert mit einem Hennengewicht von etwa 1,5-2kg und Hähnen um 2,5kg bei einem, trotz der Größe und reinen Legeausrichtung der Rasse, recht kompakten Schlachtkörper, können sie als effiziente Futterverwerterinnen und attraktive Brathähne auch wirtschaftlich interessant werden.
Herkunftsnachweis: Die von der Svenska Kulturhönsföreningen (SKF) und uns anerkannten Tiere gehen alle zwingend nachvollziehbar auf sieben Bestände zurück, die von der SKF in mehrjähriger Recherche als Grundlage zur Weiterzucht festgelegt wurden. Die sieben als unverfälscht bewerteten Bestände waren nur ein kleiner Teil der damaligen Population und auch heute ist es so, dass es in Schweden parallel SB inner- und außerhalb der SKF gibt.
>>> Mehr Infos zu den sieben Linien hier
Äußeres: Bindende Vorgaben zum Äußeren gibt es von der SKF nicht; was aber nicht heißt, dass das Äußere zu vernachlässigen ist. Primär sollten bei der Zuchttierauswahl Leistungsmerkmale berücksichtigt werden. Das heißt, dass grobe farbliche Fehler bei Tieren mit hervorragenden Leistungsmerkmalen toleriert werden können und auch nur dort sollten. Ziel ist ein möglichst einheitlich blaues Huhn, die allgegenwärtige Birkenfarbigkeit der Tiere ist allerdings ausdrücklich geduldet. Der gewöhnlichste grobe Fehler ist ein gezeichnetes Brustgefieder bei Henne oder Hahn, also ein Überhandnehmen der Gefiederzeichnung. Rezessiv veranlagt sind in der Rasse wohl Porzellanfarbigkeit, Wildfarbigkeit und Weiß, was ebenfalls klar unerwünscht ist, aber für gewöhnlich nicht vorkommt.
Gefieder: Die SB haben als Grundfarbe ein Schwarz, bzw. Birkenfarbig, das sich bei den Küken und Junghennen oft auch durch dunkle, grau-, schwarz- oder auberginfarbene Hautpartien im Gesicht und im Kopfbehang ausdrückt. Aufgehellt ist das Schwarz im Gefieder typischerweise zu einem Blau. Durch die Spalterbigkeit der blauen Gefiederfarbe bei Hühnern treten SB folglich in den Grundfarben Schwarz, Blau und Splash auf, bzw. Birkenfarbig, Blau-Birkenfarbig oder Splash-Birkenfarbig. Die farbigen Partien sollten sich bei den Hähnen auf die Schmuckfedern an Hals, Rücken, Sattel und Schultern beschränken. Bei den Hennen auf den Kopf, maximal den Hals. Zeichnung in der Brust oder an den Federspitzen in anderen Partien ist unerwünscht. Bei der Gefiederfarbe kann man sich bspw. an blau-birkenfarbigen Marans oder Zwerg-Niederrheinern orientieren, wobei die farbigen Partien bei den SB sowohl in Silber als auch – seltener – in Gold vorkommen.
Körperform: der Typ der SB ist nicht ganz einheitlich. Grundlage bei der Erzüchtung waren vor allem klein gewachsene New Hampshire (25%) und Rhode Island Red (75%), weswegen die Kastenförmigkeit dieser beiden Rassen auch bei den meisten SB zu finden ist. Das Gewicht der Silverudds ist aber wesentlich geringer als das der NH oder RIR. Einen passenden Vergleich zu Größe und Körperform finde ich braune ÖTZ-Hybriden. Es gibt aber auch Linien die ein wenig kompakter als der Durchschnitt sind, genau wie etwas schlankere Linien. Im Vergleich zu den Hennen sind die Hähne häufig nur unwesentlich größer. Im Vergleich zu anderen Rassen relativ klein also. Sie sind, außer bei den schlankeren Linien, oft von einer eher gedrungenen Körperform, stehen sehr aufrecht mit breiter Brust und haben oft auffallend große und fleischige Kehllappen und Kämme, deren Fahne häufig der Nackenlinie folgt. Doppelzacken und solcherlei kommen vor, sind züchterisch aber nicht zu beachten. Bei vielen – aber nicht allen – Hennen ist mir die starke „Gesichtsbehaarung“ aufgefallen, also dass das Gesicht bis zwischen Auge und Schnabel fein befiedert ist.Die Beine sind meist Schiefer- oder Grüngrau, bei splashfarbenen Tieren oft aber auch heller oder gefleckt. Die Sohlen sind in der Regel hell, oft aber auch die ganzen Zehen. Bei schwarzen Tieren oft weniger, bei splashfarbenen mehr. Das Horn von Schnabel und Krallen ist meist dunkelgrau, bei schwarzen Tieren mit hellen Kanten, bei blauen und splashfarbenen Tieren oft gezeichnet oder gefleckt.
Zuchttierauswahl: Aktuell befinden wir uns bei den SB in Deutschland in einer Vermehrungsphase um die genetische Basis etwas breiter aufzustellen als bisher. Das bedeutet, dass bei der Auswahl der Tiere für die Zucht im Moment nicht so scharf selektiert werden muss, wie es in den nächsten Jahren passieren sollte. Daraus folgt, dass gesunde Tiere dieses Jahr in aller Regel in der Zucht verbleiben können. Wer die Möglichkeit hat, sollte aber bereits jetzt versuchen, sich mit der Bewertung von Zuchttieren auseinanderzusetzen und in dieser eine gewisse Routine zu entwickeln. Eine gute Quelle dafür ist das Chicken Manual des American Lifestock Conservancy, dessen Übersetzung noch in Arbeit ist. Generell gilt: wollen wir züchterische Fortschritte machen, müssen wir mit den besten Tieren arbeiten. Je schärfer wir selektieren, desto schneller und nachhaltiger sind die Fortschritte und desto schneller kommt die Rasse auf das Niveau mit dem sie beworben wird. Wer also die Möglichkeit hat, Jungtiere drei Monate aufzuziehen, sie anhand der Merkmale des Chicken Manuals zu beurteilen und die weniger guten Tiere an reine Liebhaberhaltungen abzugeben, sollte sie nutzen. Immer von allen Tieren Bruteier zu gewinnen und zu verkaufen ist zwar vielleicht finanziell interessant, insbesondere bei den aktuell aufgerufenen Preisen für SB-Bruteier, hilft der Rasse aber nicht weiter. Im Gegenteil: Lieber mit wenigen guten Tieren arbeiten.
Zuchtziele und Ausschlusskriterien:Von der Zucht ausgeschlossen werden sollten rigoros alle Tiere, die braune Eier legen. Ebenfalls verzichtet werden sollte auf Tiere, die keine gute Gesamtkonstitution haben. Das sollte zwar selbstverständlich sein, ist aber nicht die Regel, weil kränkliche Tiere verständlicherweise oft einen besonderen Platz im Herzen der Halter einnehmen. Aussortieren bedeutet ausdrücklich nicht töten: wer bei kleinen Hennengruppen einen Überblick hat, kann die Eier kränklicher Tiere aussortieren, wer so viele Tiere hat, dass der Überblick nicht da ist, sollte Platz haben eine Gruppe an nicht-Zuchttieren zu etablieren oder Kontakte, die Freude an außergewöhnlichen Tieren haben.Das Ideal der Rasse ist ein leistungsstarkes Legehuhn, das in der Lage ist, über viele Jahre gesund und produktiv alt zu werden. Daran sollten wir gemeinsam arbeiten. Dazu kann ich nur immer wieder das Chicken Manual empfehlen, es erklärt nicht nur die anatomischen Merkmale die mit guter Gesundheit und guter Leistung korreliert sind, sondern auch wie man sie gewichtet und in welcher Reihenfolge über die Jahre mehr und mehr Merkmale bei der Zuchtauswahl eine Rolle spielen können.
„Grünlegergen“ (O-Gen): Ein großes Thema ist das Grünlegergen. Es wurde auch in der Facebookgruppe immer wieder aufgebracht und ich habe dort auch schon ausführliche Texte zu dem Thema geschrieben. Die grüne Eierschalenfarbe ist zwar eines der bezeichnendsten Merkmale der SB, eine Reinerbigkeit auf das Gen ist züchterisch allerdings sehr viel einfacher zu erreichen als Leistungsmerkmale. Für das Grünlegergen mischerbige Tiere zeugen zu einem soliden Anteil reinerbige Tiere die man selektieren kann wenn der Stand der Rasse so weit ist, während man aus der Verpaarung leistungsschwacher Tiere mit Sicherheit keine „Legemaschinen“ bekommt. Also: braun legende Tiere werden aussortiert, die dann mischerbigen Elterntiere gerne auch – allerdings nur, wenn sie züchterisch verzichtbar sind.
Fehlinterpretationen: Von der kolportierten Reinerbigkeit auf das „Grünlegergen“ kann man zu einigen weiteren falschen Annahmen über die SB kommen, die vor allem im deutschen Internet kursieren. Ich führe diese falschen Annahmen darauf zurück, dass nicht verstanden wurde, dass es viele Leerstellen bei den SB gibt, fehlende Informationen also. Diese Leerstellen wurden teilweise mit persönlichen Interpretationen gefüllt, die wiederum aufgrund fehlender „echter“ Informationen als allgemeine Fakten übernommen wurden. Größte Fehlannahme ist tatsächlich, dass es einen leichteren und einen schwereren Typ von SB gibt. Fakt ist, dass es zwischen den Linien eine gewisse Varianz an Größe, Gewicht und Körperform gibt, dokumentierte und getrennt voneinander geführte leichtere oder schwerere Typen aber nicht. Dasselbe gilt für die überall zu reproduzierten „Rassemerkmale“ der grünen Lauffarbe und dunklen Knopfaugen: beides sind wünschenswerte Merkmale die mit der dunklen Grundfarbe der SB daherkommen, aber keine echten Kriterien bei der Zuchtauswahl. Es gibt vor allem in Schweden Züchter*innen, die aus persönlicher Vorliebe ausschließlich splashfarbene Tiere halten, bei deren Verpaarung sich die Hautpartien, Füße und Augen schnell aufhellen.
Zu meiner Person: Ich bin im SB DACH e.V. mit der Rolle des Koordinators betraut worden. Ich selbst hatte 2011 erstmals Silverudds Blå-Tiere – damals allerdings ohne es zu wissen – und habe seit September 2018 mehrfach Bruteier aus Schweden importiert und mir so langsam einen Zuchtbestand aufgebaut. Mein Ziel war von Beginn, möglichst viele der Linien in meinem Bestand zu vereinen, weil ich anfangs niemanden in SB-Deutschland als seriös und mit offenen Karten arbeitend erkennen konnte. Inzwischen hat sich die Situation allerdings stark geändert und durch die Austauschmöglichkeiten innerhalb des SB DACH habe ich die Möglichkeit, mich auf ein paar wenige Linien zu konzentrieren.
Dadurch, dass ich nach der Schule fast zwei Jahre in Schweden verbracht habe, hatte ich die Möglichkeit, die vorhandenen Informationen zur Rasse in der Originalsprache anzuschauen und bin so tatsächlich auf die vielen Fehlinterpretationen auf den hiesigen Homepages gestoßen. Von Beginn an habe ich mich als Mitglied der Svenska Kulturhönsföreningen angeschlossen, die in Schweden die Zucht der SB koordiniert. So bin ich dann auch auf Joachim gestoßen, der 45 Minuten entfernt von mir, ebenfalls auf Direktimporte gesetzt hat und mit dem ich seitdem im intensiven Austausch bin. Joachim ist gleichfalls Mitglied und anerkannter Züchter der SKF.
Ebenfalls im intensiven Austausch bin ich mit Andreas, der in Schweden die Zucht der SB koordiniert und der mir noch viel mehr als meine Schwedischkenntnisse dabei geholfen hat, die dünne Faktenlage zu den SB einzuordnen und der uns als SB DACH e.V. sehr dabei unterstützt, Zuchtmaterial von der SKF zu bekommen.Mein Ziel als Landwirt ist es, die SB züchterisch auf einen Stand zu bringen, in dem sie eine verlässliche Alternative zu den allgegenwärtigen Legehybriden in der Landwirtschaft darstellen. Die SB sind eine spektakulär unbekannte Hühnerrasse mit einem großen Potenzial die Narrative der Eierproduktion auf den Kopf zu stellen und in die Phalanx der Hybridproduktion einzubrechen.
Ingmar Dokus, Podcast, Reportage
Ein Gespräch über die Arbeit mit Tieren, das Verhältnis zu ihnen und die Möglichkeiten, die ihr der Großraum Hamburg bietet.
Jemand, der es von Anfang an anders gesehen hat war Tilo von Donner. Er ist Mitglied der Landwirtebewegung „Land schafft Verbindung“, die hinter den Treckerdemos steht. Als Entsandter von Land schafft Verbindung hat Tilo bei der „Wir haben es satt!“-Demo im Januar in Berlin gesprochen und die Hand zum Dialog ausgestreckt. Das Echo war durchweg gut.
Ich habe eine Woche nach der Rede mit Tilo gesprochen und die Ereignisse ein bisschen aufgearbeitet. Wir haben uns aber auch mit Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Dialoges beschäftigt.
Viel Spaß beim hören!
Ach ja. Im Podcast wird auf eine Rede Bezug genommen, diese Rede kann man sich hier anschauen:
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram anEin Beitrag geteilt von Ingmar Jaschok | Bornwiesenhof (@hofhuhn) am
Auf das Bild hin kamen ein paar Fragen, was es mit dem Test auf sich hat, wie man ihn lernen kann und was es sonst noch an „Handwerkszeug“ für die Zuchttierauswahl braucht.
Ich kann die Frage verstehen. Theorie ist trocken und, wer sich mit Hühnern auseinandersetzt, beschäftigt sich lieber damit, welche Rassen in Frage kommen und welche Eierfarbe sie haben. Vielleicht auch noch wie viele Eier sie legen und welche Farbschläge es gibt. Danach geht es meistens eher auf die Tiersuche oder an den Stallbau, als an Zuchttheorie.
Ich habe das Thema selbst lange etwas umschifft. Als ich mich dann in die Thematik einlesen wollte, musste ich feststellen, dass es kein Theoretisches Material zur Hühnerzucht auf Leistungsmerkmale gibt. Für die Ausstellungszucht auf Farbmerkmale gibt es jede Menge; dafür, wie ich auf Tiere selektiere die eine gute Legeleistung zeigen und/oder auch toll Fleisch ansetzen gibt es nichts. Zumindest nicht in den letzten Jahrzehnten. Ich habe meinen Bruder in die Unibibliothek der CAU in Kiel gejagt und selbst im geschlossenen Archiv gab es kein Material.
Nach langer Suche habe ich ein dreiteiliges Handbuch des Livestock Conservancy entdeckt, das mir sämtliche Fragen beantwortet hat. Ich habe mit der Vereinigung Kontakt aufgenommen und die Erlaubnis erhalten, es auf deutsch zu übersetzen und zu veröffentlichen. Allerdings habe ich noch keine Reinschrift anfertigen können und weiß auch nicht wann ich es schaffe. Wer also des Englischen mächtig ist, kann aus den hier verlinkten Dateien alle nötigen Infos ziehen.
Teil 1: Selektion auf Fleischeigenschaften
Teil 2: Selektion auf Legeeigenschaften
Teil 3: Aufbau und Führung eines gesunden Zuchtbestandes
Auch hier kann ich nur empfehlen, dem vielleicht scheinbar trockensten Teil die größte Aufmerksamkeit zu widmen; Teil 3. Dort wird für die ersten fünf Jahre vorgestellt, ab wann welche Faktoren bei der Zuchttierauswahl berücksichtigt werden sollten und wann halt eben auch noch nicht. Im Grunde ist es die komplette Anleitung für ein eigenes Hofhuhn-Projekt. Diese Texte sollte jeder gelesen haben, bevor sich für eine Rasse entschieden wird. Hat man sie verinnerlicht, ist man im Grunde gewappnet, ein solches Projekt mit jeder zur Verfügung stehenden Rasse anzugehen: kaum einer der Vertreter der Rasse hat die Eigenschaften, die ihnen auf Papier zugeschrieben werden. Allesamt tragen sie aber das Potenzial dafür in sich. Diese Texte helfen dabei, sie herauszuarbeiten.
In den Texten ist ebenfalls der Fingertest beschrieben. Wer diesen aber einmal vorgeführt sehen möchte, dem empfehle ich dieses Video. Am etwa Minute 4:45 wird der Fingertest für „Egg laying Capacity“ vorgeführt:
Wer ein gutes Tool für die Bestandsbonitierung sucht, dem empfehle ich einen alten Beitrag von mir zum Thema Legehennenmanagement.
Die Übersetzung der englischen Texte ist noch auf der Warteliste. Sie sind sehr komplex, ich kann gut verstehen, wenn es sehr mühsam ist, mit ihnen zu arbeiten. Ich bilde mir ein, Englisch gut zu verstehen, trotzdem war es für mich noch einmal eine ganz andere Geschichte, als ich eine erste Rohfassung in Deutsch fertig hatte. Diese kann ich leider nicht zugänglich machen, weil der Deal mit dem Livestock Conservancy ist, dass ich ihnen die Reinschrift zum Gegenlesen schicke, bevor ich sie veröffentliche. Diese habe ich noch nicht fertig, deswegen heißt es jetzt erstmal Englisch üben..
Ingmar Diskussion, Favoriten, Philosophie, Politisches
Das vergangene Jahr war eines voller Demonstrationen. „Wir haben es satt!“ zum Auftakt der Grünen Woche wurde mit einem „Wir machen euch satt!“ aus der Landwirtschaft gekontert. Im Herbst veranstaltete die Initiative „Land schafft Verbindung“ eine Reihe von Bauerndemos in Städten und auf Veranstaltungen mit Umwelt- und Agrarpolitiker*innen. Auch dort bin ich nicht mitgelaufen oder mit dem Traktor mitgefahren.
Vielleicht habe ich etwas Grundlegendes über Demonstrationen nicht verstanden. Mein Grund aber, warum ich nicht mitdemonstriere ist, weil ich das Gefühl habe, dass sich die Wut der Demonstrierenden am Samstag gegen die Falschen richtet. Auch wenn sich „Wir haben es satt!“ offiziell an die Politik und gegen Großkonzerne wendet, so sind es doch die Bauern, die es trifft. Die Fronten sind verhärtet. Die Veranstalter von „Wir machen euch satt!“ und „Land schafft Verbindung“ haben sich formiert, weil sie sich vom nichtlandwirtschaftlichen Teil der Gesellschaft zu Unrecht verurteilt fühlen.
Mein Gefühl bei der Sache ist, dass es Massendynamiken sind, und man dran Teilnehmen muss, um als von seiner Meinung überzeugt zu gelten. Ich finde aber, dass man von einem differenzierten „wofür/wogegen bin ich“ viel zu leicht zum gefährlichen „gegen WEN bin ich“ kommt. Dieses „gegen wen bin ich“ sehe ich bei „Wir haben es satt!“ oft sehr konkret gegen alles gerichtet, was kein Biosiegel trägt. Bei „Wir machen euch satt!“ gegen alles, was in irgendeiner Form am Status quo der Landwirtschaft rüttelt. Das ist nicht richtig. Beides nicht.
Um ein leidenschaftlicher, bäuerlicher Landwirt zu sein der seine Arbeit gut macht, muss man nicht auf Bio umstellen. Im Umkehrschluss ist Bio nicht die Lösung für alle Punkte von „Wir haben es satt!“, oder alles was auf der Welt falsch läuft. Weil ich weiß, dass das Internet Texte gerne nur halb liest: ich bin von der Richtigkeit der ökologischen Wirtschaftsweise überzeugt. Keines der Siegel und vor allem das EU-Bio-Siegel, gehen mir auch nur annähernd weit genug: der konventionelle Bauer nebenan ist aber das falsche Ziel für den Frust. Seine Hauptschuld ist, dass er der Einzige vor Ort ist, gegen den sich die Wut richten kann.
Die Großkonzerne und Politiker, an, bzw. gegen die sich die Demo offiziell richtet, wird es kein bisschen jucken. Die aktuelle Politik hat ihre Agenda: die deutsche Landwirtschaft im internationalen Wettkampf gut aufzustellen und da geht kein Weg an größeren, kosteneffizienteren Betrieben vorbei. Aktuell hat Deutschland in der Landwirtschaft noch einen technischen Vorsprung, der schmilzt aber zusammen, sobald die Besitzverhältnisse und damit die Managements allesamt international aufgestellt sind. Wer etwas anderes behauptet, verschließt sich der Realität oder beugt die Wahrheit und wer sich von der Politik etwas anderes erhofft, fleht Windmühlen an.
Die großen Player auf dem Lebensmittelmarkt reiben sich dagegen sogar die Hände: der Bioboom, zu dem auch die Demos und die dadurch geschaffenen Narrative immer wieder beitragen, führt dazu, dass die bäuerliche Landwirtschaft aus dem Markt gedrängt wird. Bio ist inzwischen schon lange keine reine Überzeugungstat mehr, sondern unterliegt den gleichen Mechanismen, die auch schon die konventionelle Landwirtschaft in die Ecke getrieben haben: Preisvergleich im Regal, also Preiskampf zwischen den Anbietern, gedrückte Preise bei den Erzeugern und die Gewinner sind diejenigen, die möglichst viel möglichst günstig produzieren können. Die finanzstarken Großbetriebe, die Bio als Wachstumsmarkt für sich entdeckt haben. Aktuell profitieren vom Bioboom weniger die traditionellen Betriebe als viel mehr diejenigen, die, mit großen Lieferverträgen ausgestattet, neu umstellen.
Die Bauern sind nicht unschuldig; im Gegenteil. Allein der Titel ihrer Gegendemonstration „Wir machen euch satt!“ zeugt von einem verschrobenen Blick auf die Welt und den Dialog. Es klang für mich von Anfang an nach der altbackenen „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast“-Argumentation einer konservativen Subkultur und ich habe noch wenig gefunden, was mir diesen Eindruck hätte entkräften können.
Die Bauern sind leidenschaftliche „Bauern“ im Schachspiel der Macht. Sie lassen sich einspannen und demonstrieren teilweise gegen ihre eigenen Interessen, habe ich den Eindruck. Oder ist das mein verschrobener Blick auf das, was man auf einer Demo macht? Geht man hin, brüll rum und geht davon aus, dass die Beobachter schon wissen, dass man zwar für fairere Bedingungen auf dem Markt ist, aber nicht pauschal gegen jede Einschränkung?
Eigentlich, und das ist mein wirklicher Punkt: wollen alle dasselbe. Leben und leben lassen. Demonstrant*innen, ob jetzt auf landwirtschaftlicher Seite oder der „Gegenseite“. Das ist auch ein kleiner Keimling, von dem ich erfahren habe. Nachdem die Initiative „Land schafft Verbindung“, die ja die großen Treckerdemos im ganzen Land zu verantwortete, lange Zeit geplant hatte, auf der „Wir haben es satt!“-Demo zu sprechen, haben sie es abgesagt. Dann haben sie es doch wieder in Planung genommen und jetzt wartet am Freitag eine große Chance für alle. Zufällig ist der vorgesehene Redner ein alter Freund von mir; Tilo von Donner, den ich aus meiner Kieler Zeit kenne und bei dem ich sogar schon auf dem Hof ausgeholfen habe. Das Problem ist bisher, dass keiner wirklich mit der Gegenseite sprechen möchte, weil die Thematik so komplex ist. Lieber zieht man sich in sein Demolager zurück und schiebt den schwarzen Peter weit von sich. Tilo hat aber den Mut, am Samstag die Hand auszustrecken und auf der „Wir haben es satt!“-Demo zu sprechen. Drei Minuten Redezeit bekommt er. Ich bin nicht unbedingt der größte Freund von „Land schafft Verbindung“ und habe mich in der Vergangenheit auch schon gegen die Demos ausgesprochen (weil mir auch da zu viele Punkte in einen Topf geworfen wurden). Dass jetzt beide Seiten einem so offenen und einladenden Menschen wie Tilo die Möglichkeit geben Brücken zu schlagen, stimmt mich hoffnungsvoll.
Das Größte für mich wäre, wenn mich der kommende Samstag Lügen strafen würde. Wenn die Demonstrant*innen in Berlin den Bauern aus der Holsteinischen Schweiz zu Wort kommen lassen, ihm zuhören und seine Gedanken mitnehmen. Sie Teil ihres Bildes von der Landwirtschaft werden lassen. Die Lösung liegt nämlich auf der Straße, glaube ich. Oder auf dem Acker, wenn man will. Macht man die Anderen für seine Probleme verantwortlich, können einem auch nur die Anderen helfen. Das gilt für beide Seiten der Diskussion und die Politik wird sich dahingehend nicht ernsthaft bewegen, genauso wenig, wie dass sich die großen Player aus dem Markt zurückziehen werden. Bio oder konventionell. Kommen Landwirtschaft und Konsument*innen aber an einem Tisch zusammen und arbeiten an Lösungen, kann sich etwas bewegen. Dann gibt es keine „anderen“. Dann kann es Lösungen geben, die beiden Seiten helfen. Ohneeinander geht es nicht. Nicht bei dieser Diskussion; da wäre ich auch wieder mit im Boot.
Meine Beweggründe für diesen Gastbeitrag habe ich in diesem Beitrag erläutert. Ich bedanke mich sehr bei Sophia Hoffmann dafür, dass sie mir erlaubt hat, dieses Kapitel aus ihrem Buch „Zero Waste Küche“ zu nutzen. Das Titelfoto ist von Anabell Sievert.
Haltbarkeit und Lagerung:
Das Mindesthaltbarkeitsdatum ab Legetag beträgt in Deutschland 28 Tage. Da die Schale als natürlicher Schutz vor Bakterien und Keimen dient, können Eier ungekühlt gelagert werden.
Nach mehr als 20 Tagen sollten sie jedoch nur noch gekocht/ gebraten oder verbacken verzehrt werden. Für Gerichte aus rohen Eiern wie Mayonnaise/Tiramisu sollte man immer ganz frische Eier verwenden. Ob ein Ei noch gut ist, lässt sich nach Aufschlagen am Geruch erkennen: Im Gegensatz zum neutralen Geruch frischer Eier riechen alte Eier säuerlich und faulig.
Hühner:
Obwohl auch Wachtel- , Enten-, Straußen-, Fisch- und sogar Ameiseneier als Lebensmittel zum Einsatz kommen, ist doch das Hühnerei das am Häufigsten verspeiste.
Wildhühner legen zur Fortpflanzung etwa 30 Eier pro Jahr. Unbefruchtete Eier verspeisen sie selbst um den in ihrem Körper entstandenen Kalzium-Verlust auszugleichen. Sogenannte, für die Tierindustrie gezüchtete Hybridhennen legen über 300 Eier pro Jahr und werden bei Abnahme der Legeleistung nach 18 bis 24 Monaten Lebenszeit geschlachtet und zu Tiernahrung und Suppe verarbeitet. Hühner sind übrigens die am nächsten noch lebenden Verwandten des Tyrannosaurus Rex.
Eintagsküken:
In Deutschland werden jährlich 50 Millionen männliche Küken getötet, da sie für Fleischproduktion nutzlos sind. Zusammen mit den Legehennen in der Eierproduktion, die durch ihre Haltungsbedingungen oder durch Schlachtung sterben kommt man so auf eine jährliche Summe 100 Millionen Hühnern. Die Annahme, dass Vegetarismus Tierleid vermeidet, ist somit leider falsch.
Vegetarische Fleischalternativen:
Immer häufiger werden mit Eiklar hergestellte Fleischalternativen angeboten, die vielen Menschen suggerieren tierfreundlicher zu konsumieren. Diese Rechnung geht leider nicht auf.
Ein geschlachtetes Schwein liefert ca. 80 kg Fleisch. Das Eiklar eines Hühnereis wiegt etwa 40g.
Für 80 kg Eiklar werden 2000 Eier benötigt, das entspricht der Lebens-Legeleistung von mehr als 6 Hennen, die am Ende auch geschlachtet werden.
Statt Ei:
Viele Produkte und Rezepturen können ohne Qualitäts- und Geschmacksverlust Ei-frei hergestellt werden. Dies spart nicht nur Ressourcen sondern ist auch gesünder.
Zudem bestünde bei Roh-Ei-Verwendung keine Salmonellen-Gefahr.
Immer mehr Unternehmen stellen solche Produkte her, aber auch in der eigenen Küche kann man durch einfache Tricks den Ei-Verbrauch reduzieren:
Einfach Weglassen:
Backen:
Statt einem Ei verwenden:
Produkte wie Sojamehl, Stärke und Leinsamen haben zudem den Vorteil längerer Haltbarkeit.
Apfelmus kann aus angeschlagenen Äpfel gewonnen werden.
Mayonnaise:
Zur Bindung von Soßen und Desserts:
1 g auf 250 ml warme Flüssigkeit
1 g auf 500 ml kalte Masse z.B. Pudding, der warm angerührt und dann abgekühlt wird
Zur Bindung von Bratlingen/ Knödeln:
Zum „Kleben“ von Panade:
Für Ei-Geschmack in Aufstrichen, Salaten, Soßen:
Als Rührei-Ersatz:
Fazit:
Die Menge macht das Gift. Weniger das gelegentliche Frühstücksei, sondern vor allem die geradezu verschwenderische Verarbeitung von Eiern in unzähligen Produkten ist so aus dem Ruder gelaufen, dass die gesundheitlichen und ökologischen Folgen für Mensch und Umwelt mehr als bedenklich sind. Von ethischen Aspekten der Tierhaltung ganz abgesehen.
Ich rate zu Reduktion und bewussten Kaufentscheidungen:
Sophia Hoffmann
Ingmar Diskussion, Politisches
Die Reaktionen sind zutiefst menschlich und auch nachvollziehbar: wir sind alles erwachsene Menschen und haben während des Aufwachsens und im Job schon mehr als genug Menschen gehabt, die uns zu sagen meinten, was wir zu tun haben. Wahrscheinlich auch oft genug in der Familie: Da will man uns noch das bisschen Freiheit wegnehmen das geblieben ist?
Ich sehe das ein bisschen differenzierter: unsere Freiheit ist viel zu groß, auch wenn es sich wahrscheinlich für jeden eher nach „gerade groß genug“ anfühlt. Konservative Meinungsmacher nennen die Grünen „die Verbotspartei“ und wahrscheinlich bin ich gehirngewaschen, aber ich bin auch der Meinung, dass wir unsere Gewohnheiten ändern müssen. Nicht durch Verbote, sondern durch simple Menschenbildung. Wenn wir als Gesellschaft in die Lage kommen „gefällt mir nicht“ und „das ist falsch“ auseinanderzuhalten, könnten wir uns sehr viel besser weiterentwickeln. Mir gefällt ein Tempolimit nicht: trotzdem wäre es der richtige Weg, Schadstoffausstöße zu reduzieren und die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Mir gefällt nicht, seltener und mehr Geld für meine Kleidung und Technik auszugeben, trotzdem wäre es der einzige Weg, von der fortdauernden Ausnutzung des Restes der Welt für unseren Lebensstandard wegzukommen. Und um von Arschbacken auf Kuchenbacken zu kommen: mir gefällt nicht, immer überall auf die Zutatenliste zu schauen, selbst zu backen/kochen/fertigen und zu allem Überfluss auch noch Rezepte abzuwandeln, aber das ist der einzige Weg, zu einer respektvollen Hühnerhaltung zu kommen.
Wir verzehren zu viele Eier. Darum. 235 Stück pro Jahr. Diese unglaublich vielen Eier können nur produziert werden, indem man das letzte aus den Hühnern herausquetscht die sie legen. Im konventionellen Bereich genau wie im Ökobereich, wobei ich da einmal die Ökolandwirtschaft auf ein Podest stellen kann: auch Eier die in Bioprodukten verarbeitet wurden erfüllen die Standards, die die Eier im Supermarkt erfüllen, während in konventionellen Verarbeitungsprodukten im Regelfall Eier aus Kleingruppen- und Bodenhaltung eingesetzt werden, von denen vor allem die Kleingruppenhaltung im Verkauf an Endverbraucher keine wirkliche Rolle mehr spielt.
So wie die konventionelle Landwirtschaft, durch den gesellschaftlichen und politischen Druck, Techniken aus der ökologischen Landwirtschaft übernimmt und von der jahrzehntelangen Pionierarbeit profitiert, können wir als Flexitarier von der Pionierarbeit einer Ernährungsphilosophie profitieren, die schon seit Jahrzehnten den Verzicht auf tierische Produkte umsetzt: vegan lebende Menschen. Ich bin Landwirt und lebe davon, tierische Produkte zu verkaufen. Damit bin ich unter den Hardcore-Veganern sicherlich irgendwo in einer Kategorie mit Andreas Breivik und Dschingis Khan, trotzdem wäre es dumm und kleingeistig von mir, aus diesem Grund den Veganismus abzulehnen. Sicher: eine rein vegane Diät verlangt ein großes Wissen über Ernährung um wirklich vollwertig und gesund zu sein. Wenn man sich aber anschaut, wie sich der durchschnittliche „Fleischesser“ ernährt, der sich über vegane Kitas echauffiert, ist das ein Paradestück fehlender Selbsterkenntnis. Im Gegensatz zu einem vegan lebenden Menschen kann man als Flexitarier ein gut umzusetzendes Maß an Verzicht wählen. Man hat die Wahl und die Freiheit und kein Risiko zu versagen, wenn man mal einfach doch Spätzle oder Maultaschen mit Eiern in „fertig“ kauft weil man es möchte.
Ich persönlich finde es nicht verwerflich den einfachen Weg zu gehen und zu kaufen was es gibt, was günstig ist und was man gewohnt ist. Trotzdem weiß ich, dass ein gemäßigter Verzicht der einzige Weg zu dem Ziel ist, das ich als Mensch und Landwirt habe: respektvollen Umgang mit Natur und Ressourcen. Dass es mir nicht gefällt, leicht fällt und erstmal eine gewisse Einschränkung bedeutet, macht es definitiv schwieriger: Deswegen aber nicht falsch. Da ich den Gedanken bereits seit ein paar Jahren im Hinterkopf trage und auf meine gemäßigte Weise verzichte kann ich sagen, dass es immer leichter fällt. Je mehr man merkt, dass sich das Abgestoßen-sein von Teilen der landwirtschaftlichen Realität gut in Verzicht auf die Produkte aus dieser umsetzen lässt und auch gut anfühlt, desto leichter fällt der nächste Schritt. In dem eben verlinkten Text habe ich geschrieben, dass das Schwerste daran die Überwindung ist. Jedes Mal aufs neue. Genau so ist es aber auch jedes Mal aufs neue ein wirklich gutes Gefühl zu merken, dass Fleisch oder Eier in vielen Gerichten einfach eine „soda-Zutat“ sind, die ein „Umami“ erleichtern.
Ingmar Diskussion, Hofhuhn-Projekt, Politisches
Das Hofhuhn-Projekt wurde zu meiner Lehrzeit auf einem CSA-Hof geboren. CSA steht für „Community Supported Agriculture“ und ist sowas wie der amerikanische Originalbegriff derSolawi. Solidarische Landwirtschaften versuchen Dinge anders zu machen. Die Mitglieder*innen zahlen einen monatlichen Beitrag, der in der Summe aller Beiträge den finanziellen Aufwand der Hof-, bzw. Gärtnereibewirtschaftung deckt. Dadurch sind die Gärtner*innen und Landwirt*innen in der Lage, marktunabhängig zu arbeiten. Für jemanden, der sich noch nie mit dem Thema beschäftigt hat, ist das schwer vorstellbar. Falls du dir gar nichts drunter vorstellen kannst: Das Thema Solawi habe ich in Folge drei meines Podcasts behandelt.
Viele Solidarische Landwirtschaften setzen auf Hühnermobile. Die haben zwei Vorteile: Zum einen gelten sie als sehr hühnerfreundliche Haltungsmethode, zum anderen kann man sie als Komplettpaket kaufen: neben dem Stall bekommt man von den Händler*innen auch Kontakte für den Kauf der Legehennen, des Futters und zu Berater*innen für Hühnerhaltung. Ein Feststall muss dagegen immer wieder individuell von Architekten und Stallspezialisten geplant werden und bedeutet sehr viel mehr Aufwand und Einarbeitung in der Vorbereitung. Durch die gute Öffentlichkeitsarbeit der Mobilstallbetreiber-Szene ist vielen Menschen nicht bewusst, in welche Mühle sie sich mit dem Kauf von Hybridlegehennen begeben. Die Hochleistungstiere müssen jedes Jahr ausgetauscht werden. Die Ställe sind zwar großartige mobile Lösungen, allerdings immer noch mobile Lösungen, was man teilweise erst während der täglichen Arbeit in solchen Ställen so richtig merkt. Beispielsweise wenn es ans Futter nachfüllen geht, oder festgestellt wird, dass Dinkelspelze in Nestern bisschen unangenehm werden, wenn die Eier der Tiere gegen Ende ihrer Legeperiode dünnschalig und zerbrechlich werden. Bauliche Veränderungen, wie der Einbau von Abrollnestern, werden dann von der Herstellerfirma selten noch begleitet.
Die Idee der Solidarischen Landwirtschaft ist eine echte Veränderung. Die Bäuer*innen und Gärtner*innen sollten möglichst einen Mindestlohn erhalten (was momentan in der ökologischen Landwirtschaft ein hehres Ziel ist), die Äcker sollen schonend und humusaufbauend bewirtschaftet werden (was für viele Gärtnereien rein finanziell nicht möglich ist) und die Tiere – so es denn welche geben soll – sollen tiergerecht gehalten werden.
Wenn man sich intensiver mit der Hühnerhaltung beschäftigt merkt man, dass sich die aktuelle ökologische Haltung und die konventionelle Haltung in vergleichbaren Systemen (beispielsweise dem Mobilstall) nur am Tierbesatz und dem Siegel auf dem Futter unterscheiden. Eingesetzt werden meist die gleichen Linien, die nach der gleichen Zeit ausgetauscht werden und die alle mit der gleichen Futterration gefüttert werden müssen: hochintensivem Legefutter, das es den zierlichen Tieren ermöglicht, genug Energie aufzunehmen, um jeden Tag ein Ei zu legen. Variieren kann man in der Haltung wenig. Weicht man vom Protokoll ab, führt andere Futtermittel ein oder riskiert sogar, die Hennen länger als die maximalen 14 Monate zu halten, fällt das Kartenhaus in sich zusammen und es wird für Mensch und Tier unschön. Der Parasitendruck im Stall steigt, weil er für eine jährliche Grundreinigung ausgerichtet ist, die Tiere sind darauf konditioniert, bereits im ersten Legejahr so große Eier zu legen, wie andere Hühner erst mit zwei oder drei Jahren legen würden, scheitern also regelmäßig an den eigenen Eiern. Das heißt, Eier bleiben im Tier stecken oder gehen sogar im Legetrakt kaputt. Krankheiten kommen zum Vorschein, in der der regulären Lebensdauer nicht auftreten würden. Wenn vorhanden, würden sie mit den Tieren in die Suppe gehen. Die Hühnerhaltung aus dem Fertigpaket funktioniert nur so lange, wie man sich ans Protokoll hält und dieses Protokoll ist in meinen Augen etwas fragwürdig, wenn man versucht ökologische Hühnerhaltung mit den meisten anderen Bereichen der ökologischen Landwirtschaft auf einen Nenner bringen.
Deswegen glaube ich, dass mein Hofhuhn-Projekt gerade auf Solawis eine große Verbreitung finden kann. Der Wunsch nach Veränderung lebt in jedem Mitglied und auch die generelle Bereitschaft, sich selbst und die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen. Auch engagieren sich oft Menschen, die bereit sind, sich in komplexere Themen hineinzuarbeiten. Hühnerhaltung, die nicht aus der Retorte kommt, braucht eben genau das: tiefergehendes Beschäftigen mit den Tieren, ihrer Zucht und ein solches Hineinarbeiten in die Fütterung, dass man in die Lage versetzt wird, mit dem zu arbeiten, was der Betrieb an Futtermitteln bietet. Solidarische Landwirtschaften haben im Gemüsebau für die Renaissance alter Sorten und Rezepte gesorgt. Ähnlich könnte es auch in der Hühnerhaltung sein. Der Verzicht auf Hochleistungstiere und den regelmäßigen Austausch der kompletten Herde wird dazu führen, dass auch die Eier und das Fleisch der Tiere (beides gehört zusammen) immer mehr ein echtes Produkt des Betriebes werden. Wenn die Tiere nicht mehr legereif zugekauft werden, sondern auf dem Hof oder der Gärtnerei schlüpfen, mit betriebseigenem Futter aufgezogen werden und dann mehrere Jahre als Legehenne dort verbringen können, sind die Eier durch und durch jene des Hofes und das gute Gefühl beim Verzehr genau dieser Produkte wird der Mission der SoLavistas gerecht: die Lebensmittelproduktion durch persönliches Engagement auf ein Level zu bringen, mit dem man leben kann, wenn man sich ernsthaft mit den Produkten beschäftigt. So wäre beispielsweise das Verständnis für die saisonbedingt geringere Legetätigkeit im Winter größer. Hennen, die länger als ein Jahr leben, passen sich in ihrem Rhythmus dem Jahreslauf an und legen zwischen Oktober und Februar weniger Eier. Im Supermarktverkauf kommt man da als Bauer in Erklärungsnöte; in Solawis entwickeln die Mitglieder ein Gefühl für die Saisonalität von Produkten.
Was ich bei meiner eigenen Arbeit auf einem CSA-Hof gemerkt habe: Viele Verbraucher*innen waren fassungslos, wie wenig sie vor ihrer Mitgliedschaft über die Produktion ihrer Lebensmittel, also der Dinge, mit der sie ihren eigenen Körper versorgen, gewusst haben. Ähnlich ist das mit den Eiern. Je mehr Menschen sich mit Hühnerhaltung beschäftigen und daran arbeiten, dezentral und unabhängig zu wirtschaften, desto mehr Menschen werden im klassischen System mit Austauschhybriden an einen Punkt kommen, in dem das System mehr Fragen offen lässt als Antworten bieten kann. Das ist der Punkt an dem man sich mit Alternativen zur Alternative beschäftigen muss und ich glaube, dass wir diese Alternative gerade auf den Weg bringen: unsere Crowdfunding-Kampagne läuft aktuell seit einer Woche und sie soll zeigen, dass die Alternative zur Alternative praxistauglich ist.
Aktuell gehört ein ordentliches Maß Ignoranz dazu, die Hybridhaltung hinter sich zu lassen: Alles unter 254 Eiern pro Henne und Jahr rechnet sich nicht, sagen die Fachleute auf den Einsteigerseminaren, die von verschiedenen Trägern für Interessierte angeboten werden. In meinen Berechnungen gehe ich sicherheitshalber von 150 Eiern pro Henne aus, je nach Rasse haben sie ein Potenzial zwischen 180 und 260 Eiern pro Jahr. Eine pessimistische Rechnung macht wegen meiner Futtermittelexperimente Sinn, hat aber auch im Blick nach vorne einen großen Vorteil: Jedes weitere Ei ist zusätzlicher Gewinn.
Kauft man allerdings keinen Stall für 70.000 Euro und für 7.000€ Hühner, deren Brüder man gegen Geld irgendwo zentral aufziehen lässt, sondern richtet sich für die 7.000 Euro auf dem Betrieb gut ein, um die Tiere im Sommer über die Flächen ziehen zu lassen und im Winter im Gewächshaus zu halten, dann fallen einige bedrohliche Rechnungen der Experten in sich zusammen. Wenn man dann auch noch Tiere anschafft, die ohne teures Zukauffutter auskommen und sich in den Betriebskreislauf integrieren, dann kann man Eier genießen, die die Tiere nicht umbringen. 254 Eier sind dann kein Richtwert mehr.
Durch unsere erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne, werden wir hier auf dem Betrieb in die Lage gebracht eine Hühnerhaltung umzusetzen, die ohne Kompromisse auskommt. Respektvoll, unabhängig, tiergerecht. Das aktuell angepeilte zweite Fundingziel bringt uns zusätzlich noch in die Lage, Dinge ausprobieren zu können, die sonst nicht möglich gewesen wären und so aufzuarbeiten, dass sich jeder in eine echte bäuerliche Hühnerhaltung einarbeiten kann, der es möchte.
Vor drei Wochen hätte ich selbst noch gesagt, dass das alles ein bisschen träumerisch klingt. Nach der ersten Crowdfunding-Woche unserer auf viereinhalb Wochen angesetzten Kampagne kann ich sagen: es ist Realität. Das Bedürfnis ist da. Menschen geben Geld dafür, dass wir eine andere Form der Hühnerhaltung entwickeln und verbreiten. Das ist jetzt nicht mehr mein Traum, sondern mein fester Plan. Und sie bekommen was: zum einen Dankeschöns, die Crowdfunding-Kampagne ist kein Spendenaufruf, zum Anderen die Geweissheit, dass sie nicht nur meckern sondern auch etwas tun.
Hier übrigens ein Artikel von vor ein paar Monaten, als ich es umgekehrt hergeführt habe: http://blog.hofhuhn.de/crowdfunding-huhnerstall/
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