Ein paar Gedanken zu Massentierhaltung

Was ist Massentierhaltung? Ab wann ist es Massentierhaltung? Der Begriff erhitzt schon seit dem ersten Aufkommen vor 45 Jahren die Gemüter. Wie auch anders? Er ist von Anfang an mit Tierquälerei verbunden. Der Tierarzt und Verhaltensforscher Bernhard Grzimek schrieb in der „ZEIT“ im September ’73 „Natürlich erfüllt die Massentierhaltung voll und ganz den Tatbestand der Tierquälerei auch nach dem neuen Tierschutzgesetz“ – das steht zumindest so auf Wikipedia, wenn man den Begriff Massentierhaltung bei Google eingibt. Auch interessant vielleicht, dass dies einer der wenigen Begriffe ist, bei dem Wikipedia nicht der erste Vorschlag ist, wenn man ihn googelt.

Niemand möchte Massentierhalter sein. Wobei, ich kenne tatsächlich Menschen, die sagen „ja, das ist Massentierhaltung, da kann man nicht viel herumdeuteln“ – ironischerweise sind das meist „nicht ganz so große“ Bauern, die das über sich sagen. Vermutlich in dem Wissen, dass sie mit ihrem Betrieb noch zu den ganz kleinen Fischen im Güllepott der Massentierhalter zählen.
Mein Verhältnis zu dem Begriff ist etwas ambivalent, weil ich als Landwirt irgendwie ja vom Fach bin. Ich empfinde „Massentierhaltung“ als einen Begriff der genutzt wird, wenn man keine Lust darauf hat, sich differenzierter mit der industriellen/intensiven Tierhaltung zu beschäftigen und keine Lust hat den Euphemismus „intensive Tierhaltung“ zu benutzen. Der Begriff „Massentierhaltung“ ist also irgendwie die Papiertüte, die man der Massentierhaltung überstülpt, um sich nicht weiter damit zu beschäftigen, ob sie nur hässlich ist, oder vielleicht doch eine nette Persönlichkeit hat.

Sau mit Ferkeln in ökologischer FreilandhaltungIch habe also meine Probleme mit dem Begriff. Meine Landwirtschaft ist die der Bilderbücher. Ich sehe meine Tiere auf grünen Flächen und bin überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist. Trotzdem tue ich mich schwer damit, Kollegen pauschal abzuurteilen und zu verunglimpfen. Ich bin nämlich überzeugt davon, dass wenige Dinge wirklich aus bösem Willen oder böser Absicht geschehen.

Warum gibt es also Massentierhaltung?

Es ist am effizientesten. Wenn man Tiere wie einen Werkstoff betrachtet, oder wie eine Maschine, dann sind große Haltungsanlagen der perfekte Ort um sie zu betreiben. So wie die Server von Google oder Facebook abgeschottet unter Tage, staubfrei und fern von UV und anderen bösen Dingen laufen, ist es auch für den hochspezialisierten Prozess der intensiven Tierhaltung das beste, möglichst wenig Unwägbarkeiten zuzulassen. Wenn man sich anschaut, wie viele Eltern ihre Kinder von jedem Keim fern halten, oder Tierhalter ihre Katzen ein Leben lang in der Wohnung einsperren: das Leben an sich ist voller Unwägbarkeiten. Die Natur ist voller Unwägbarkeiten – die industrielle Tierhaltung hat aber nicht die Möglichkeit Fehler zuzulassen. In einer Welt in der alles technisiert und genormt ist, gibt es keinen Spielraum für Fehler.
Und ey, in einer Welt, in der Leistung mit „gesund“ und „gut“ assoziiert wird, einer Welt, in der die Ernährungsweisen immer krasser und krasser werden und jeder seine Makros zählt, ist die intensive Tierhaltung nur das passende Spiegelbild. In Gesprächen mit Landwirten halte ich mich anfangs oft mit Statements etwas zurück, wenn es darum geht, was richtig und was falsch ist. Ich habe früh gelernt, dass es verschiedene Weltanschauungen gibt und dass meine Demeter-Waldorf-Anthro-Blase auch nicht unbedingt Massenkompatibel ist. Ich habe in der Ausbildung zum Landwirt dann gelernt, dass Dinge gut sind wenn sie berechenbar sind und was kann man dagegen argumentieren? Ich kann da nichts gegen sagen, außer dass es mich nervt. Ich kann mich gut an eine Situation erinnern, in der ich einen Landwirt gefragt habe, wie die Hofübergabe läuft. Einen älteren Landwirt wohlgemerkt. Er hat mit den Schultern gezuckt und gemeint, dass es eigentlich alles ganz gut läuft. Dass er nur hofft, dass sein Sohn nicht mehr all zu lange zu verbissen an den Zahlen hängt, weil sonst in ein paar Jahren die Vielfalt wegrationalisiert ist, die den Hof die letzten 30 Jahre ausgemacht hat.

Wie entsteht Massentierhaltung?

Massentierhaltung ist die Ausgeburt eines rationalen Wirtschaftsdenkens in einer Berufsgruppe für die Menschen mit „Landwirtschaft ist Leidenschaft“ werben. Für mich passt das nicht zusammen, aber egal. Das ist nicht mein Bier. Was ist die Berechtigung von Massentierhaltung? Meinen Ansatz dazu bringt der Grünen-Politiker Robert Habeck auf den Punkt. Er hat wohl gesagt „du kannst auch zehn Kühe scheiße halten“ – und das stimmt. Ich bin in dem Moment auf der Seite der Massentierhaltung, in dem es den Tieren besser geht als in einem kleinen Bestand. Viele vielfältige Betriebe versuchen sich aus dem laufenden Betrieb heraus zu erweitern und da werden dann oft kleinere Brötchen gebacken. Das haben die großen Betriebe mit Businessplan und Abnahmeverträgen besser geregelt. Dort wird geklotzt und nach den neuesten „Tierwohl-Standarts“ (in Anführungszeichen, weil eine Farce) gebaut. Durch das gute Management werden die Tiere weniger schnell krank – ob man dieses „nicht krank“ in hermetisch abgeriegelten Einheiten als „gesund“ bezeichnen möchte ist ein anderer Punkt, aber vom Tierwohl-Gedanken her ist es eine gute Sache, wenn die Tiere nicht krank werden.

Ich bin überzeugt von dem Satz „du bist, was du isst“ und wünsche mir meine Produkte von Tieren (und Pflanzen), die aufgrund einer guten Konstitution „gesund“ geblieben sind. Wird ein Tier krank, dann trennt sich für mich die Spreu vom Weizen. Wie dann mit dem Tier verfahren wird, dort habe ich meine Grenze gesetzt. Auf dem Rückfahrt von der Grünen Woche in Berlin hat mich meine Freundin geradeheraus gefragt, was für mich Massentierhaltung sei. Sie kennt meinen etwas schwer zu umreißenden Standpunkt aus Idealismus und Verständnis gut und wollte eine klare Grenze provozieren. Ich musste ein bisschen darüber nachdenken und kam nach 15, 20 Minuten zu einem Schluss:

„Massentierhaltung ist, wenn der Aufrechterhaltung des Prozesses mehr Bedeutung beigemessen wird als dem Wohlergehen des einzelnen Tieres“.

Das ist ein guter Schluss, finde ich. Es ist jenseits von konkreten Zahlen und Grenzen ab denen es Massentierhaltung oder nicht ist, jenseits von Bio-Siegeln, Überzeugungen und Pauschalisierungen. Es ist nicht ein für allemal festgeschrieben, sondern kann in jedem Moment entschieden werden. Find ich gut.

Aber was meine ich damit?

Sau mit Ferkeln im Kastenstand

Rationale, optimierte Systeme haben festgeschriebene Vorgehensweisen. Je spezialisierter desto weniger darf von den Vorschriften abweichen. In der Ferkelerzeugung geht es beispielsweise darum, dass die Sauen möglichst alle 150 Tage ferkeln. Plusminus möglichst wenig. In die 150 Tage gehen bummelig 115 Tage Trächtigkeit ein, 21 bis 28 Tage säugen – das heißt, dass die Sau innerhalb von sieben bis 14 Tagen nach dem Absetzen der Ferkel wieder belegt sein sollte. Ansonsten gerät der Rhythmus durcheinander, dem nach die Ferkel am geplanten, zukünftigen „Tag x“ mit so und so viel Tagen und so und so viel Kilogramm an den Mäster verkauft werden. Sauen die nach spätestens 14 Tagen nicht trächtig sind, werden nicht notwendigerweise sofort geschlachtet, aber chronische „Umrauscher“ bleiben nicht lange im Bestand. Vielleicht auch schöner für die Tiere..

Das System in dem die Zuchtsauen leben ist nur eines von vielen optimierten Verfahren, in denen Tiere in jedem Bereich der modernen Landwirtschaft leben. Was nicht passt wird passend gemacht und wo die Natur nicht reicht, wir nachgebessert. Gerne auch hormonell. In der zur Prüfungszulassung obligatorischen Woche „Schweinekurs“ habe ich gelernt, dass eine Geburt, wenn die Sau nach dem 117. Trächtigkeitstag nicht wirft, eingeleitet wird. Auch wenn die Sau vielleicht ein paar Tage später erst aufgenommen hat und eigentlich erst 113 oder 114 Tage trächtig ist. Es geht mehr um die Aufrechterhaltung des Prozesses als um das individuelle Tier. Weil Tierhaltung in dem Maßstab vielleicht nicht anders geht. Es ist mir egal, ich habe meine Gesellenprüfung damals im konventionellen Sauenstall gemacht, habe die Dinge gelernt und es war für mich ein bisschen wie ein Autounfall. Mich hat fasziniert, wie sehr die konventionelle Landwirtschaft die natürlichen Prozesse beherrscht und steuert, gleichzeitig war es aber auch sehr befremdlich. Nicht meins.
Meine praktische Erfahrung war übrigens diese Woche Schweinekurs in einem Versuchsbetrieb bei Oldenburg. Ansonsten Freilandschweine in der eine Trächtigkeit eher eine Frage von beten und hoffen ist, als von Rausche und Umrauschen.

Ich sehe ein System kritisch, wenn es den dort arbeitenden Menschen nicht mehr möglich ist, aus dem Prozess auszuscheren um sich individuell um ein Tier zu kümmern. Ist ein Tier in einer Schweinemastanlage krank und es ist nicht möglich, es aus einer Gruppe herauszuholen und gesund zu pflegen, weil es in keine andere Gruppe integrierbar wäre (weil vielleicht die Gruppengröße so gewählt ist, dass die Tiere gegen Ende der Mastphase genau an der legalen Grenze von Tierbesatz pro m² kratzen), ist das Massentierhaltung. Wenn eine Henne oder ein Ferkel totgeschlagen wird, weil es den Aufwand nicht wert wäre sich individuell drum zu kümmern, ist das Massentierhaltung. Bio oder konventionell, aus voller Überzeugung oder mit Tränen in den Augen.
Was ich damit nicht meine ist, dass Landwirte nicht mehr ihrer Fürsorgepflicht nachkommen dürfen, indem sie kranke Tiere leiden lassen. Ich denke aber, dass jeder Mensch, der in der Landwirtschaft arbeitet, einschätzen kann, ob er/sie ein Tier von einem unheilbaren Zustand erlöst, oder sich selbst von der Arbeit sich drum zu kümmern. „Es lohnt sich nicht“ oder „Es ist keine Zeit dafür“ zählt nicht. Wenn es der Aufwand nicht wert ist, vielleicht eine Krankenbox oder sogar ein neues Zuhause für eine zerpickte oder verletzte Henne oder ein mickriges Ferkel zu finden, ist das eine Tierhaltung mit der ich nicht einverstanden bin.

Schweine in der konventionellen SchweinemastDavon trennen muss man aber meiner Meinung nach (und da dürfen Menschen gerne anderer Meinung sein), wenn die Möglichkeit (auf eine makabere Art „Freiheit“) besteht, Tiere beispielsweise außer der Reihe zu schlachten und selbst zu verwerten. Ich stamme von einem kleinen Betrieb und auch bei uns gab und gibt es immer wieder Kälber, die nach einer Krankheit nicht wieder richtig kräftig wurden und auf die Beine kamen. Weder etwas für die Zucht, noch für den Viehhändler. Auf unserem Betrieb, wo es zwar Routinen gibt, die jahrein, jahraus die selben sind, aber keine fixen Handlungsvorschriften und Abnahmeverträge mit Daten, Magerfleischanteilen und Abzügen bei nicht-einhalten von Terminen, gibt es die Möglichkeit, Tiere für den Eigenverbrauch großzuziehen. Auf meinem Lehrbetrieb habe ich ein Ferkel geschlachtet, das quickfidel war, seine Hinterbeine aber nicht richtig nutzen konnte. Wir haben es nicht sofort getötet, weil es keinen Grund gab. Es war fit. An irgendeinem Punkt war es dann aber doch so groß, dass es vom Tierschutz-Standpunkt her grenzwertig wurde und wir haben es gegessen. Als vor ein paar Monaten auf dem Betrieb auf dem ich arbeite, einer unserer Junghähne der für die Legehennen-Herde vorgesehen war so klein blieb, dass er untergegangen wäre, ging er in die Röhre. All dies waren Entscheidungen, die für die Tiere den Tod bedeutet haben weil sie nicht ins Raster gepasst haben. Das ist aber für mich noch auf der Seite der Linie auf der „meine“ Landwirtschaft stattfindet, weil die Tiere dadurch nicht Abfall waren, sondern verwertet wurden. Ich kann verstehen, wenn auch das befremdlich klingt. In dem Text geht es aber nicht um die Frage, ob Tiere für unsere Ernährung (warum möchte man Genuss schreiben, wenn Fleisch in den seltensten Fällen wirklich ein Genussmittel ist?) sterben, sondern um meine Definition von Massentierhaltung.

“Lasst uns über's Töten reden“ war ein Blog-Eintrag als ich noch mittlere zweistellige Followerzahlen hatte. Deswegen denke ich, dass die wenigsten von euch den Text kennen. Ich habe ihn nochmal in die Bio gepackt. Das Bild zeigt einen Bruderhahn unserer Junghennen, den wir Samstag nach dem Umstallen geschlachtet haben. Meine Freundin hält ihn. Vorher sie ihn auch eine ganze Weile gehalten. Es war ihr erstes mal beim Schlachten und als wir uns danach drüber unterhalten haben, hat sie was ziemlich gutes gesagt. Sie sagte, dass es nicht schlimm war, weil das Schlachten so in den Kontext gebettet war. Sie war dabei, als entschieden wurde, dass wir das Tier schlachten, weil es im Wachstum zurück geblieben ist und in der Gruppe untergehen würde. Dass wir ihn auch nicht wo unterbringen würden, wo er vielleicht das Wachstum hätte nachholen können. Es war kein konzentriertes Schlachten vieler Tiere an einem Ort, sondern eine klassische Hausschlachtung, wie ich sie aus meinem Dorf zuhause schon immer kannte. “Sollte jede*r, der Fleisch ist, mal ein Tier getötet haben?“ Meine Antwort auf diese häufig genutzte Phrase in dem Blogeintrag in der Bio. #Bauernhof #demeter #diedemos #landleben #Landwirtschaft #Schlachten #Hausschlachtung

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Was ist mein Schluss daraus?

Ich weiß, dass die Argumentation Löcher hat, aber ich versuche vor allem auch für mich eine Grenze definieren zu können, wo die Argumente der Befürworter eines konventionellen Systems für mich nicht mehr greifen. Ich denke, dass es trotz allem eine ganz gute Grenze ist, wenn sie beim sinnlosen Töten gezogen wird. Man braucht nicht weit schauen, braucht nicht mit den Fingern zu zeigen, es beginnt bei jeder Legehybride die irgendwo im Hobbygarten herumläuft und deren Bruderhahn als nutzlos vergast wurde, zieht sich durch das gesamte System der Eiererzeugung, streift unabhängig von Qualitätsstandarts, Siegeln und Verbänden Schweine, Rinder, Schafe und jeder Tierhalter, ob professionell, hobbymäßig oder zur Selbstversorgung steht regelmäßig neu vor der Entscheidung was mehr wert ist. Die Reibungslosigkeit des Systems, oder das Tier. Ich weiß, dass auch ich mich schon oft genug für das System entschieden habe, bin aber froh, dass meine Freundin mich gebeten hat es mal auf den Punkt zu bringen. Das hat mich sehr ins Nachdenken gebracht und ich weiß, dass es meine zukünftigen Entscheidungen beeinflussen wird.